Vor der grossen Sommerpause habe ich über die Initiative der Schweizer Immobilienfirmen zur Lancierung eines Konkurrenzproduktes zu den bekannten Immobilienmarktplätzen berichtet. Die Zeit der hohen Temperaturen ist vorbei, dafür kommt das Projekt «Next Property AG» jetzt in die heisse Phase.

Als Reaktion auf meine ersten Beiträge wurde ich um meine persönliche Einschätzung zu den Erfolgschancen des Projektes gefragt. Dem komme ich gerne mit diesem Artikel nach, womit ich auch die Berichterstattung fürs erste abschliesse.

Positiv beurteile ich den Enthusiasmus, die gute Stimmung und die offenen Portemonnaies, welche das Projekt innerhalb der Immobilienbranche ausgelöst hat. Es ist nach meinem Wissen das erste Mal, dass sich so viele Immobilienfirmen unter ein gemeinsames Fähnlein scharen und zusammen ein Projekt verfolgen. Offensichtlich braucht es einen gemeinsamen «Feind», auf den man sich einschiessen kann.

Die etablierten Marktplätze haben seit 2001 Millionen in die Bekanntheit investiert. Wer spontan auf der Strasse oder in seinem Bekanntenkreis eine Umfrage nach Immobilienportalen startet, dem werden die üblichen Verdächtigen genannt. Diesen Effekt nennen die Marketingspezialisten «top of mind». Jeder Newcomer kämpft hier gegen einen Vorsprung von bald 20 Jahren.

«Kundennähe und Daten zurückgewinnen» sind zwei Argumente der Befürworter des Projektes. Es ist positiv, wenn der Mieter (endlich) als Kunde wahrgenommen wird. Diese Entwicklung wäre auch ohne eigenen Immobilienmarktplatz richtig (und nötig). Bei den Daten müssen wir klären, von welchen Daten wir sprechen. Aus meiner Sicht gehören die Daten zur Wohnung, zum Objekt dem Eigentümer. Die Mieterdaten gehören klar dem Mieter. Welche Daten gehören dann dem Bewirtschafter?

Ein weiteres Argument für das Projekt bilden die Inseratekosten bei den Immobilienportalen. Wobei jene in der Vergangenheit kein Problem darstellten, wurden diese Kosten sogar mit einer satten Marge an den Auftraggeber weiter verrechnet. Die Immobilienfirmen könnten ihre Muskeln spielen lassen, ohne einen eigenen Marktplatz zu bauen. In einem früheren Blogbeitrag habe ich erwähnt, dass der Preis für ein Immobilieninserat in der Westschweiz seit Jahren tiefer ist als in der Deutschschweiz. Es gäbe also Spielraum für ein geeintes Auftreten der Branche (im Sinne einer Einkaufsorganisation).

Auf der PropTech Map zeige ich über 40 Immobilienmarktplätze. Wir sind in der Schweiz sicher nicht unterversorgt. Braucht es wirklich einen zusätzlichen? Was bringt die Zusammenarbeit mit immobilier.ch? Diese Marke kann in der Deutschschweiz nicht verwendet werden, also steht sie nicht für einen Schweizer Immobilienmarktplatz. Andere perfekte Brands wie immo.ch sind bereits vergeben. «Next Property AG» soll auf der Technologie von immobilier.ch aufbauen. Ist diese wirklich «state of the art»? Gäbe es hier nicht bessere technische Lösungen?

Wie gesagt, es gibt in der Schweiz schon sehr viele Marktplätze. Das Projekt verfolgt eine Art «me too-Strategie». Zu meiner Zeit als CEO von homegate.ch hat sich dieses Portal die Marktführerschaft vor allem dank des sehr grossen Anteils an privaten Inseraten verdient. Die Immobilienfirmen publizieren normalerweise ihre Objekte auf allen Marktplätzen, vor allem, wenn sie dort nichts bezahlen müssen. Somit sieht der Suchende überall die gleichen Inserate. Den Unterschied machen die privaten Inserate. Und davon hatte homegate.ch viel mehr als alle anderen, war somit attraktiver für den Suchenden. Soll «Next Property» nur ein Marktplatz für Immobilienfirmen sein oder soll er auch privaten Inserenten offen stehen. In der Westschweiz verschliesst sich immobilier.ch den Privaten, mit entsprechend schlechterem Angebot.

Wer jetzt meint, dass ich den etablierten Marktplätzen weiterhin eine sorgenfreie Zukunft voraussage, der irrt sich. Bereits 2006 habe ich in meiner Diplomarbeite Szenarien dargestellt, was ein Immobilienportal machen kann, wenn die Google’s oder Facebook’s dieser Welt kostenlose Inserate anbieten. 10 Jahre lang ist nichts passiert. Seit letztem Jahr gibt es FB Marketplace auch in der Schweiz und Google mischt z.B. bei Flugreisen mit. Unter diesem Aspekt sind die nächsten 10 Jahre für die Immobilienportale deutlich herausfordernder als die letzte Dekade.

Wenn ich die Entwicklungen im Ausland ansehe, dann ist das Projekt «Next Property» für mich zu wenig zukunftsorientiert. Die Digitalisierung (ja, auch ich mag es bald nicht mehr hören, obwohl ich davon lebe) birgt für die Immobilienbranche sehr viele Chancen, aber halt auch sehr viele Gefahren. Der Druck auf Berufsbilder wie Bewirtschafter, Bewerter oder Makler wird zunehmen. Würde die Immobilienbranche sich mit der gleichen Begeisterung mit der Zukunft befassen, sich mit gleich viel Geld in der Prop Tech-Szene engagieren, dann würde die Branche aktiv ihre eigene Transformation mitgestalten. «Next Property» bietet eine willkommene Ablenkung von den eigentlichen Problemen.

Mit diesen Gedanken schliesse ich meine Reihe zum Projekt «Next Property». Sicher werde ich das Thema wieder aufgreifen, wenn der Marktplatz live ist und erste Erfahrungen vorliegen.