PropTech News haben Oliver Hofmann, CEO Wincasa, zu einem Interview getroffen. Im ersten Teil beantwortet er Fragen zur Digitalisierung.

(PropTech News) Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für Immobilienfirmen, wenn es um Digitalisierung geht?

(Oliver Hofmann) Die Digitalisierung erfasst die Immobilienbranche im Arbeitsalltag auf sämtlichen Ebenen und bringt grundlegende Veränderungen für Mieter, Eigentümer, Mitarbeitende und Unternehmen. Digitalisierung heisst nicht nur, dass neue Technologien entstehen und ganze Prozesse digitalisiert und automatisiert werden, sondern es entstehen auch neue Dienstleistungen und Arbeitsinhalte verändern sich. Die Einführung von digitalisierten Prozessen führt darüber hinaus dazu, dass sich auch die Berufsbilder in der Immobilienbranche verändern. Während gewisse Tätigkeiten digitaler oder gar automatisiert werden, kommen neue hinzu. Soziale Kompetenzen wie vernetztes Denken, Kreativität, Problemlösefähigkeit und Beratungskompetenz werden immer wichtiger.

Alle diese Veränderungen neben dem Daily Business zu meistern und dafür offen zu sein, ist sicher eine grosse Herausforderung. Es braucht dazu Führungspersönlichkeiten, Spezialisten und Mitarbeitende, welche diese Fähigkeiten mitbringen und den Wandel mittragen. Wir bei Wincasa sind bereit für die digitale Transformation und davon überzeugt, dass die Digitalisierung, richtig genutzt, viele Vorteile bringen wird.

Was hat Wincasa konkret umgesetzt und was ist in den nächsten 18 Monaten geplant?

Als Branchenführer und Innovator wollen wir Digital Master werden und bauen deshalb bereits heute an der Zukunft von Wincasa. Hierzu haben wir schon Schritte wie die erste wirklich realitätsnahe 360°-Wohnungsbesichtigung, das digitale Mieterportal „My Wincasa” – mit über 4‘700 Nutzern das grösste Mieterportal der Schweiz –, Shopping Center Apps mit iBeacon Technologie sowie elektronische Wohnungsabnahmen vor Ort umgesetzt. Unsere Mitarbeitenden vor Ort arbeiten mit Tablets, unsere Telefonanlagen wurden durch modernste Unified Communication Tools abgelöst und seit vier Jahren bauen wir unsere Research-Abteilung konsequent aus. Das Wincasa Business Modell wird sich noch weiter verändern und digitale Arbeitsweisen sowie Dienstleistungen werden wir agil und proaktiv aufnehmen.

Im Herbst wird Wincasa zudem den Schritt zu einem Social Intranet mit digitalem Workplace machen. Damit können die Mitarbeitenden besser zusammenarbeiten und bestehendes Wissen sowie Dokumente einfacher austauschen. Das neue Intranet unterstützt die Unternehmenskommunikation sowohl vertikal wie auch horizontal und dient als interne Social Media Plattform. Mitarbeitende erhalten so eine viel zentralere Rolle und können sich aktiv einbringen. Ein klares Plus, das dank der Digitalisierung möglich wird. Geplant sind auch der Weiterausbau unserer Plattform „MyWincasa“, die Modernisierung unserer Kernapplikationen in der Bewirtschaftung und die Digitalisierung von Prozessen im Bereich der Human-Ressource-Tätigkeiten. Diese Schritte werden den Mehrwert für Mieter, Eigentümer und unsere Mitarbeitenden erhöhen.

 Alle sprechen von Daten. Beschäftigt Wincasa Spezialisten, welche mit den täglich anfallenden grossen Datenmengen arbeiten können?

Die Gesellschaft generiert mittlerweile eine enorme Menge an Daten und es sind Firmen entstanden, deren Geschäftsmodelle auf der Datensammlung und -verwertung basieren. Auch im Rahmen der Digitalisierung sind Daten extrem zentral. Mit dem Auf- und Ausbau von digitalen Portalen durch Bewirtschaftungs- und Facility Managementfirmen sowie der Einbindung von Partnern (z.B. Energielieferanten, Versicherer, Start-ups, Eigentümer, Mieter), können für alle interessante Zusatzdienstleistungen und Mehrwerte geboten werden. Die dabei in Erfahrung gebrachten Daten helfen z.B. bei Wohnungsabnahmen, der Kommunikation mit den Mietern oder der Ablage von elektronischen Formularen wie Bedienungsanleitungen, Schaden- und Reparaturanmeldungen.

Auch für Wincasa ist Big Data ein grosses Thema und seit Beginn des Jahres gibt es die Abteilung Data Science, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigt. Ihr primäres Ziel ist es, für unsere Stakeholder relevante Daten zu sammeln, zu gliedern und auszuwerten. Somit können neue Reports, Cockpits und Führungsinstrumente geschaffen werden, die unseren Mietern, Eigentümern, Lieferanten und Mitarbeitenden helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Wincasa hat seit Entstehung alleine für die Liegenschaftseigentümer rund 600 Reports aufgebaut. Wir stellen fest, dass diese Reports immer häufiger ergänzt, angepasst oder gar neue dazukommen müssen. Dieser Bedarf ergibt sich bei den Investoren durch die Professionalisierung ihres Portfoliomanagements und den steten Veränderungen von Gesetzen, Mieterverhalten oder internen Auflagen. Das Anpassen eines bestehenden oder Aufsetzen eines neuen Reports stellt dabei für Wincasa stets eine Herausforderung dar, da wir solche Aktivitäten unter grossem Zeitdruck, mit jeweils limitierten Ressourcen und immer komplexer werdenden Aufgabenstellungen vollziehen sollten. Hier können bessere Daten, flexiblere Auswertungsmethoden oder gar den Stakeholdern zur Verfügung gestellte Cockpits mit individuellen Abfragemöglichkeiten einen wertvollen Beitrag für alle Parteien liefern.

Sind daraus konkrete Projekte oder Umsetzungen entstanden?

Wir haben zuerst interne Versuche unternommen, Abfragemöglichkeiten und Cockpits zu flexibilisieren. Mittlerweile stehen diverse CRM- oder Führungscockpits für unsere kundenorientierten Einheiten sowie Führungskräfte zur Verfügung. Als nächster Schritt werden nun Eigentümer und Mieter in diese Vorhaben miteinbezogen.

Glauben Sie, dass die Verwaltungsräte der grossen Immobilienfirmen über eine digitale Kompetenz verfügen? Wer ist innerhalb des Verwaltungsrates der Wincasa Sparringpartner, wenn es um Digitalisierung geht?

Digitale Kompetenz ist heute sowohl in Verwaltungsräten als auch in Geschäftsleitungen notwendig. Meine Beobachtung ist, dass jedoch noch wenige Firmen im Immobilienbereich konsequent solche Kompetenzen mit externen Spezialisten besetzen oder neue Job-Funktionen dazu etablieren. Seit Mai 2017 ist Roger Wüthrich-Hasenböhler, Chief Digital Officer bei Swisscom mit Einsitz in der Konzernleitung, Beirat von Wincasa. Er ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Digitalisierung und wir sind davon überzeugt, dass er sein fundiertes Wissen zur Weiterentwicklung unseres Unternehmens einbringen und Wincasa optimal in allen Fragen rund um das Thema beraten wird.

Digitalisierungsprojekte stehen und fallen mit der Akzeptanz bei den Mitarbeitern. Was unternimmt Wincasa konkret, um die Mitarbeitenden ins Boot zu holen?

Es ist der Geschäftsleitung von Wincasa ein grosses Anliegen, die Mitarbeitenden auf diese Reise und die Veränderungen der digitalen Transformation mitzunehmen. Einerseits geht es darum, die Mitarbeitenden abzuholen; ihnen zu erklären, was die digitale Transformation für sie bedeutet und welche Herausforderungen, aber auch Verbesserungen, damit verbunden sind oder ihnen auch mögliche Ängste zu nehmen. Andererseits geht es praktisch gesehen darum, dass sie die digitalen Anwendungen und Arbeitsweisen, die wir im Unternehmen nutzen und fördern, kennen, anwenden und weiterentwickeln können.

Wincasa unterstützt ihre Mitarbeitenden mit Weiterbildungen, damit sie für die neuen Anforderungen optimal vorbereitet sind. Gerade ab diesem Sommer führen wir für alle 830 Mitarbeitenden von Wincasa Digital Skills Schulungen durch. Auch mit unseren Führungskräften diskutieren wir intensiv, was die Digitalisierung für sie in ihrer Rolle bedeutet. Auf beiden Ebenen gehen wir neue Wege, indem wir Fachhochschulen oder ausgewiesene externe Experten auf diesem Gebiet einbinden.

Macht der Branchenverband SVIT genug bezüglich Digitalisierung?

In Bezug auf Ausbildung und Sensibilisierung der Branche besteht bis anhin sicher noch Potenzial. Aktuelle Entwicklungen adressieren das Thema Digitalisierung nun aber stärker und wir sind zuversichtlich, dass die Transformation nun stärker vorangetrieben wird. Die Herausforderungen für die Ausbildungsstätten, Verbände, Firmen und Mitarbeitenden sind gross: neue Generationen von Mietern, Konsumenten und Mitarbeitern kommen langsam in den Arbeits- und Konsumprozess (sog. digital natives). Ihr Konsum-, Kommunikationsverhalten sowie die Einstellung zur Arbeitswelt unterscheiden sich stark von vorangehenden Generationen. Der technologische Wandel schreitet aufgrund des „Mooreschen Gesetzes“ (Verdoppelung technischer Komplexität und Kapazität alle 12-24 Monate) unaufhaltsam voran. Hierdurch ändern sich Businessmodelle, es müssen rasch neue Technologien genutzt (z.B. Cloud) und IT-Landschaften angepasst werden sowie Führungs- als auch Fachpersonal in kurzen Zeitabständen wesentlich mehr Veränderungsarbeit leisten, Projekte nebst dem Tagesgeschäft begleiten und Neues dazulernen. Ist eine Firma und – ultimativ – ein Individuum nicht bereit, sich diesen Veränderungen zu stellen, nimmt die Wettbewerbsfähigkeit rapide ab. Bei Firmen kann dies zu Verdrängung oder Konkurs, bei Mitarbeitenden zu fehlenden Kompetenzen und somit zum Verlust der Arbeitsmarktfähigkeit führen.