VERIT heimlicher Digitalisierer

Veröffentlicht von proptechnews am

Verit

VERIT heimlicher Digitalisierer. Wenn es um die Digitalisierung innerhalb der Immobilienbranche geht, stehen immer die Grossen im Rampenlicht. Aber auch die mittelgrossen Unternehmen wie die VERIT Immobilien AG machen vorwärts. Die Interviewserie eröffnet Martin Frei, Chief Digital Officer. Kaufm. Lehre, Bachelor of Arts, Executive Master of Business Administration ZHAW, erste Schritte in der Musikbranche und seit 2018 nun bei VERIT Immobilien AG.

Martin Frei

Du bist seit bald drei Jahren für eine Immobilienfirma tätig. Was waren deine Eindrücke, nachdem du bei VERIT gestartet bist?

Ich wusste, dass die Immobilienbranche generell nicht zu den Vorreitern der Digitalisierung gehörte; das hat mich aber auch sehr an diesem neuen Job gereizt. Ich war zu Beginn doch etwas erstaunt über die hohe Anzahl manueller Interaktionen, die es bei Standardprozessen in der Branche zu diesem Zeitpunkt noch gab. Gleichzeitig war mir auch bewusst, dass das Momentum in der Immobilienbranche gekommen war und dass ein Digitalverantwortlicher hier mehr bewirken kann, als in anderen Branchen, in welcher die Digitalisierung schon weiter fortgeschritten war und die grossen Themenblöcke bereits in die Realität umgesetzt worden sind.

Welche Funktionen hat ein Chief Digital Officer und welche Tätigkeiten gehören zu seinem Arbeitsalltag?

Im Fachjargon wird der Chief Digital Officer (CDO) im Unternehmen als Verantwortlicher für sämtliche Fragen der Digitalisierung bezeichnet, welcher für die Planung, Steuerung und Umsetzung der digitalen Transformation eines Unternehmens zuständig ist. Die wichtigste Aufgabe besteht zumeist in der Entwicklung einer grundlegenden Digitalisierungsstrategie sowie deren Einbindung in bereits bestehende Strukturen. Tatsächlich entspricht das auch ziemlich genau meinem Tätigkeitsfeld.

Wir haben ein Grossprojekt «Digitalisierung», welches in dutzende kleinere Teilprojekte auf der Zeitachse aufgeteilt ist. Eine Digitale Transformation, wie VERIT sie konsequent umsetzt, ist auf viele Jahre ausgelegt.

Mein Tag ist entsprechend gefüllt mit sehr vielen Meetings, die aufgrund der aktuellen Lage fast ausschliesslich virtuell stattfinden. Gegenstand dieser Sitzungen bilden in erster Linie die Koordination der unterschiedlichen, zum Teil zahlreichen parallel verlaufenden Teilprojekte sowie die Einbindung von sämtlichen involvierten Stakeholdern. Wichtig ist dabei, stets den Gesamtüberblick zu behalten und die einzelnen Projekte optimal aufeinander abzustimmen.

Du hast mit mir zusammen den CAS Digital Real Estate an der HWZ absolviert. Was hat dir diese Arbeit persönlich und vor allem für deinen Job gebracht?

Als Quereinsteiger in die Immobilienbranche war es für mich sehr hilfreich, den aktuellen «Stand der Digitalisierung in der Immobilienbranche» kompakt, in kleinen «Häppchen» zusammengefasst, zu erfahren. Viele Themengebiete über die generelle Digitalisierung waren mir natürlich aus anderen Branchen nicht unbekannt; aber genau diese Branchenspezifika und der Austausch mit «Gleichgesinnten» war für mich enorm wertvoll. Der Netzwerkgedanke spielte sicherlich auch eine grosse Rolle. Es war für mich eine Art «Jump-Start mit Diplom» in die Branche.

Natürlich hat das CAS auch den ein oder anderen Impuls/Idee für die Erarbeitung der Strategie gegeben, die wir jetzt sehr konsequent umsetzen. Ein Beispiel ist das Thema künstliche Intelligenz (KI), welche bereits heute produktiv eingesetzt wird und eine sehr zentrale Rolle bei unseren digitalen Dokumenten einnimmt. Für die Zukunft erhoffe ich mir noch sehr viele weitere Anwendungsgebiete mit der KI.

Gemäss eigener Angaben ist VERIT schon ziemlich digital unterwegs. Kürzlich habt ihr den digitalen Mietvertrag vorgestellt. Wer profitiert von dieser Neuerung?

Nachdem wir rund zwei Jahre lang an unserem «digitalen Kern» gearbeitet haben, kommt jetzt mit dem eMietvertrag das erste zarte Pflänzchen zum Vorschein. Der eMietvertrag ist in intensiver Zusammenarbeit mit dem PropTech-Unternehmen Flatfox entstanden. Die Vorteile sind mannigfaltig. Der eMietvertrag zieht sowohl für die Mieter, für die Eigentümer als auch für die Liegenschaftsverwaltung Mehrwerte nach sich.

Die Mieter profitieren von einem neuen Kundenerlebnis, zumal die Abwicklung des gesamten Onboardingprozesses neu komplett und bequem via Smartphone möglich ist. Für den Eigentümer wird mit der Einführung des eMietvertrages die Voraussetzung für einen effizienten Ablauf des Vermietungsprozesses geschaffen. Dadurch kann auch die Wahrscheinlichkeit nahtloser Anschlussvermietungen erhöht werden. Durch schnellere Wiedervermietungen lassen sich schliesslich auch die Leerstände reduzieren. Für die Liegenschaftsverwaltung verkürzt sich mit dem eMietvertrag die Prozessdauer zwischen mündlicher Vertragszusage und Mietvertragsabschluss, wodurch eine effizientere Abwicklung und eine Qualitätssteigerung im Wiedervermietungsprozess erreicht wird.

Durch die Arbeit mit digitalen Dokumenten und Prozessen können Verarbeitungsabläufe besser strukturiert und standardisiert werden. Der Fokus der Digitalisierung liegt vordergründig auf der Vereinfachung, Weiterentwicklung und Automatisierung volumengetriebener Routineprozesse. Dabei werden Dienstleistungen von Drittfirmen komplett integriert (z.B. Flatfox, Skribble, Arcplace). Das Ökosystem von firmenübergreifenden Prozessen wird so zur Realität.

Zu Beginn deiner beruflichen Karriere hast du bei Warner/Chappell Music und Universal Music Group gearbeitet. Das ist eine völlig andere Branche. Siehst du Parallelen zu deiner heutigen Arbeit?

Das ist schon eine ganze Weile her, seit ich in der Musikbranche und Unterhaltungsindustrie gearbeitet habe. Das war zu den Zeiten, als Napster und illegales Filesharing auf ihrem absoluten Höhepunkt waren. Die Musikbranche war wohl die erste Branche, die von der digitalen Welle überrollt wurde – und davon hat sie sich bis heute nicht komplett erholt.

Die grossen Player im Markt waren damals zu sehr mit sich selbst beschäftigt, leicht überheblich und viel zu sehr davon überzeugt, dass keine andere Firma ausserhalb der Branche eine digitale Distribution mit legalen Musikinhalten aufbauen könne. Das wäre viel zu komplex, es gäbe keine einheitlichen Standards und wäre so nicht im grossen Massstab machbar… Die Branche war verwöhnt von hohen Einnahmen aus der letzten Dekade und äusserst träge, was Veränderung anging. Wenige Jahre später rächte sich das brutal, als Apple als Outsider kam und allen zeigte, dass es doch ging. Ab diesem Zeitpunkt war das lukrative digitale Business für immer weg.

Geprägt von diesem digitalen K.O. einer Branche beobachte ich seitdem immer wieder die gleichen Mechanismen dieses «digitalen Tsunami», welcher eine Branche nach der anderen erfasst und sich im Kern auch immer wieder in Facetten wiederholt. Ich beobachte heute, dass sich auch die Immobilienwirtschaft teilweise sehr schwer tut mit einheitlichen Standards und dass die Branche in der letzten Dekade ebenfalls sehr verwöhnt war mit sprudelnden Einnahmen. Dazu kommt, dass im Moment die grösseren und mittleren Unternehmungen sehr stark mit sich selbst beschäftigt sind und sich «klangheimlich» in den letzten Jahren eine PropTech-Szene mit vielen innovativen Startups gebildet hat, welche auf Sicht den etablierten Firmen das neue digitale Business streitig machen wollen. Somit sehe ich durchaus gewisse Parallelen…

Ich würde jedoch nicht so weit gehen und implizieren, dass der Ausgang dieses digitalen Wandels in der Immobilienbranche zwingend der gleiche sein muss, wie in der Musikbranche. Die Grundlage bleibt schliesslich eine materielle Immobilie, welche nie komplett substituiert oder digital skaliert werden kann, trotz «Digital Twin». Jedoch ist es enorm wichtig, dass man sich rechtzeitig als Firma positioniert und sich die neuen Gegebenheiten zum Freund macht. Daraus kann sich ein neues (digitales) Business entwickeln und neue Geschäftsfelder können erschlossen werden. Es braucht Mut, eine kühne Vision und den Willen zur Veränderung gekoppelt mit etwas Pioniergeist. Dann kann diese Veränderung eine tolle Chance sein.

VERIT heimlicher Digitalisierer. Der Chief Digital Officer von Verit Immobilien AG zeigt im Interview, das Digitalisierung sich auch für mittelgrosse Unternehmen lohnt.

 


1 Kommentar

Martin Frei · 11. Januar 2021 um 10:57

Danke für das tolle Interview

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