Anlässlich der NZZ Real Estate Days in Interlaken konnte ich mich mit Stéphane Bonvin unterhalten. Bonvin ist Gründer und CEO der Investis-Gruppe. Seit 1994 im Immobilienbereich tätig, ist er ein profunder Kenner der Branche. Mit seiner Gruppe ist er heute der einzige Westschweizer Immobilienunternehmer, der in der ganzen Schweiz erfolgreich unterwegs ist.

Wer ist Stéphane Bonvin, wollte ich zuerst wissen. Bonvin ist Walliser und Unternehmer, der mit seinen Aktivitäten Erfolg haben will. Er plädiert dafür, dass ein Unternehmer nicht zu viele Ideen habe. Viel wichtiger sei es, die Ideen auch umzusetzen und Resultate zu liefern. Er sieht seine grösste Aufgabe darin, seine Mitarbeitenden zu fördern, zu entwickeln. Bonvin hat drei Schwerpunkte: Strategie, Umsetzung und neue Geschäfts-felder zu entdecken. Mit seinem Einsatz im Bereich PropTech verfolgt Bonvin das Ziel, seine Unternehmensgruppe zukunftsfähig zu machen.

Fokussierung ist angesagt

Bonvin erwähnt das traditionelle Genfer Immobilienunternehmen Régie du Rhône. Bevor er die Firma übernahm, war RdR eine klassische Immobilienfirma, die alles machte. Nach der Übernahme fokussierte Bonvin RdR auf die Bewirtschaftung. Bonvin schaute sich verschiedenste Firmen an, welche zum Verkauf standen, um schweizweit aktiv zu werden. So landete Privera im Portfolio von Investis. Heute setzt die Gruppe neben den Anlageliegenschaften auf die Bereiche Property Management und Facility Services. Im Moment habe ich eine sehr direkte Beziehung zur Gruppe, macht doch die stv. CEO der hauswartprofis.ch – ebenfalls eine Tochtergesellschaft von Investis – mit mir zusammen den CAS Digital Real Estate.

Die Investis-Gruppe ist in verschiedenen Startups investiert. Weshalb engagiert sich Bonvin überhaupt in der PropTech Szene? Seine Antwort ist kurz und prägnant: Als Unternehmer muss ich meine Firma vor Angriffen von aussen schützen. Bonvin erwähnt das Beispiel airbnb.com und er spricht von der Uberisierung des Hauswartes. Wenn diese Geschäftsmodelle erfolgreich sind, dann ist das klassische Immobiliendienstleis-tungsgeschäft hochgradig gefährdet. Deshalb verfolgt Bonvin eine Plattformstrategie mit Investitionen in erfolgsversprechende Startups. Bei Privera fallen pro Jahr 130’000 Anrufe an, davon betreffen 70 % irgendwelche Schäden am Objekt. Wie können solche repetitiven, administrativen Arbeiten reduziert werden, fragte sich Bonvin. So entstand die Kooperation mit flatfox.ch. Mit neho.ch soll die klassische Maklertätigkeit revolutioniert werden. Anstelle der prozentualen Kommission auf der Basis des Verkaufspreises bietet neho.ch die Dienstleistungen zu einem Fixpreis an. Laut Bonvin sind die bisherigen Resultate ermutigend. Wenn ich an meine Zeit bei homegate.ch zurückdenke, fällt mir die Einführung der Online-Hypothek ein. Weder die Zürcher Kantonalbank ZKB noch homegate.ch waren mit Filialen in der Westschweiz vertreten. Trotzdem konnten wir in der Romandie Hypotheken über den Online-Kanal, also ohne Bankberater, abschliessen.

Renaissance des Hauswartes?

Bonvin ist überzeugt, dass der Hauswart gestärkt werden muss. Er ist die wichtigste Person vor Ort. Ausgerüstet mit den richtigen digitalen Instrumenten wird er in der Zukunft prägend sein als Visitenkarte im Gebäude. Investis ist deshalb bei batmaid.ch investiert, einer Plattform für die Vermittlung von Putzkräften. Dank der Beteiligung an foxstone.ch will Bonvin verstehen, wie crowdfunding funktioniert. Und weil er überzeugt ist, dass qualitativ hochstehende 360 Grad-Besichtigungen wichtiger werden, hat er einen (finanziellen) Fuss drin bei yetivisit.com.

neho.ch hat gerade den Real Estate Award gewonnen. Nach aussen ist das Engagement von Investis bei neho.ch nicht offensichtlich. Trotzdem wollte ich von Bonvin wissen, ob er gerne Feindbild der Immobilienmakler sein wolle. Er verneint lachend. Er betont, dass wir nicht mit den Augen der Grosseltern, sondern mit denjenigen der Kinder die Welt betrachten sollten. Mit dem Engagement bei neho.ch würde er eine Wette auf die Zukunft abschliessen. Die kommenden Generationen werden viel preissensitiver sein, weshalb die Bezahlung einer prozentualen Kommission beim Hauskauf eher ein Auslaufmodell sei. Für Stéphane Bonvin ist es wichtig, dass alle diese Startups ausserhalb der Investis-Gruppe agieren. Die Gründer sollen sich vollumfänglich aufs Geschäft konzentrieren können und sich nicht mit der Bürokratie des Grossunternehmens herumschlagen müssen.

Immobilienbranche wartet ab

Zum Schluss bitte ich um eine Einschätzung über den Grad der Digitalisierung der Immobilienwirtschaft. Laut Bonvin braucht der Wandel viel, sehr viel Zeit. Die Branche sei satt, sei träge. Er erwartet eine digitale Revolution in der Schweiz. Damit aber Startups überleben können, brauche es das finanzielle Engagement der Immobilienfirmen. Verhalten ändern zu wollen, sei schwierig. Dies erlebe ich selber bei coozzy.ch, wo ich im Verwaltungsrat sitze. Die digitale Bewirtschaftungsplattform liefert den Kunden konkrete Anfragen für ausgeschriebene Wohnungen. Allerdings lassen sich die Bewirtschafter sehr viel Zeit, um darauf zu antworten. Wie lange sich die Immobilienfirmen diesen Luxus beim aktuellen Angebotsüberhang leisten können, lasse ich mal offen.

Stéphane Bonvin erzählt, dass zwei seiner Söhne ebenfalls als Unternehmer unterwegs seien. Sein ältester vertritt den Vater in den Startups. So bleibe er auf dem Laufenden, ohne direkt involviert zu sein. Besonders gefallen hat mir das Schlusswort von Bonvin: Die Karten würden neu gemischt. Wer sie nutze, der könne zukünftig nur gewinnen. Wer neugierig sei, dem gehöre die Welt, egal wie alt er sei.