Ein Gründer im Silicon Valley
Ein Gründer im Silicon Valley. Eindrücke aus der Tech-Welt, umgesetzt in der Schweiz. Pitchen findet überall statt.
Das heutige Interview findet nicht mit einem PropTech-Gründer statt. Fabian Gubler ist Mitgründer und CEO von Inoxo. Bei diesem Startup geht es um „Zutritt, Zugriffsberechtigung“. Fabian war kürzlich im Silicon Valley und da interessierten mich natürlich seine Eindrücke.
Was treibt dich an?
Mein Traum war es schon immer, die Welt ein Stück weit zu verbessern. Keine Revolution, sondern Dinge ein bisschen besser hinterlassen, als ich sie angetroffen habe. Dabei kann man wenigen Leuten sehr stark helfen oder ganz vielen ein bisschen.
Das Zweite gelingt meiner Meinung nach am besten in Branchen, die nicht für jeden attraktiv sind, auf den ersten Blick sogar langweilig. Industrien, die aber den Alltag am Laufen halten. Mich reizt keine weitere App, die das Gleiche macht wie ChatGPT, nur mit schönerem Interface. Sondern ein Startup für die Industrien, die uns tagtäglich das Fundament geben.
Unser Fokus ist hier das Access Management, das Verwalten von Zugängen. Wir stellen also sicher, dass Mitarbeitende arbeiten können. Das klingt nach einem Nebenthema, solange es funktioniert. Ist ein System gehackt oder kaputt, steht der Betrieb aber still. In Notaufnahmen, auf Baustellen, in Produktionshallen ist der schnelle Zugang zum richtigen System nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern der Sicherheit. Funktioniert der Zugang nicht haben wir ein grosses Problem.
Dann kommen die Leute, die dort arbeiten, nicht mehr durch die Türe oder an ihre Geräte und Applikationen. Und je mehr Türen, Geräte und Systeme dazukommen, desto mehr hängt daran.
Das ist der Grund, warum ich INOXO mitgegründet habe.
Was macht INOXO und was ist deine Rolle?
Wenn ich INOXO meiner Mutter erkläre, klingt es etwas einfacher, als wenn ich INOXO einer Fachperson zeige. Fachlich gesagt machen wir nämlich Physical Access Management für die Frontline. Das ist ein Haufen Wörter, die nicht unbedingt verständlich sind. Was ist Access Management? Warum Physical? Und was bedeutet Frontline?
Einfacher ausgedrückt sorgen wir dafür, dass Mitarbeitende einfach zu ihren Systemen kommen (Access Management). Vor allem zu physischen, etwa Schliesssystemen, Maschinen oder dem Login an Geräten (Physical). Und zwar für Menschen, die nicht täglich an einem Schreibtisch sitzen (Frontline).
Angefangen hat es, als wir als Team gemerkt haben, wie schwierig und zeitaufwändig es ist, Zugänge zu physischen Systemen richtig zu verwalten. Wir haben auch selbst darunter gelitten. Die Zahl der elektronischen Zugänge explodiert, und vieles, etwa Türsysteme, Maschinen und Fachapplikationen, wandern in die Cloud und müssen dort verwaltet und abgesichert werden. Ein moderner Arbeitsplatz hat heute im Schnitt 67 Zugänge. Das bringt viele Möglichkeiten für Innovation und Digitalisierung, aber das Zugangsmanagement ist selten Teil des Entscheids, bevor die neuen Systeme eingeführt worden sind.
Im Pflegeheim sieht das so aus. Eine Pflegefachfrau im Nachtdienst braucht ein Badge für die Türe, ein Passwort für das Tablet (dass sie nach der Schicht weitergibt) und ein separates Login für die Zeiterfassung. Dazu führt jede Türe und jede App ihre eigene Liste, wer Zugang hat, und jemand gleicht diese Listen von Hand ab. Wer austritt, geht dabei schnell vergessen.
Es ist (ehrlich gesagt) ein riesiges Chaos
Unsere Lösung ist eine sichere und effiziente Antwort auf dieses Chaos. Kurz gesagt geben wir mit INOXO allen Mitarbeitenden eine einzige Karte. Damit öffnen sie Türen und melden sich an Geräten und in Programmen an, ganz ohne Passwort. Der Betrieb verwaltet dann alle Zugänge an einem Ort in unserer Plattform. Neue Leute haben dann am ersten Arbeitstag alles, und wer geht, ist mit einem Klick überall draussen.
Als Co-Founder und CEO verbringe ich viele Tage mit Gesprächen vor allem in der IT-Welt. Ich höre zu und lerne, oft tagelang, wie Zugänge heute wirklich aussehen. Dann geht es darum, INOXO Unternehmen schmackhaft zu machen und Partner wie Hersteller von Schliesssystemen oder IT-Integratoren davon zu überzeugen, mit uns zusammenzuarbeiten. In unserer aktuellen Phase heisst das aber vor allem tiefgründige Gespräche, wo ich zuhöre und über uns erzähle und dabei jeden Tag dazulerne. Bei der Investorensuche ist es aber vor allem das Pitchen. Auch eine Form des Erzählens, aber auf eine besondere Art…
Wo hast du in den letzten Wochen überall „gepitcht“?
Ziemlich überall. Auf einer Bühne mit professioneller Videoaufnahme, in einem Büro vor zwei erstklassigen Investoren, die mich mit Fragen gelöchert haben, und bei einem lässigen Kafi zwischen mehreren Terminen. Dazu kamen Anlässe wie die Winti Ventures im September und wenige Tage später Aare Ventures in Bern. Danach ging es zum Pitchen in den USA.
Als Gründer pitchst du aber fast jeden Tag, nur nicht immer in derselben Form. Der traditionelle “Startup”-Pitch richtet sich an Investoren, meist unter 5 Minuten mit einer Powerpoint im Hintergrund. Beim “Kunden”-pitch will die Geschäftsleitung wissen, was es kostet und ob es mit den bestehenden Systemen funktioniert. Und beim “Team”-pitch geht es darum, warum wir das machen (Mission) und wohin wir wollen (Vision). In all diesen Formen von “Pitches” geht es ums gleiche. In möglichst klaren Worten Menschen von deiner Idee zu überzeugen. Manchmal funktioniert das auf Anhieb, manchmal braucht es aber auch mehrere Versuche bis der Pitch zieht.
Spannend ist eben, dass man dann jedes Mal dazulernt und sich Form und Inhalt über die Zeit verändern. Das ist ein bei einem Pitch ein gutes Zeichen. Man merkt, dass sich die Firma weiterentwickelt und dass man das Feedback und die Signale des Markts einbaut. Deshalb ist es völlig okay, wenn der Pitch am Anfang noch nicht ganz sitzt. Das gehört zum Prozess und auch ein bisschen zur Selbstfindung von dir selber und des Unternehmens.
Welche Erfahrungen hast du gemacht mit Pitches?
Abgesehen von Bühnenerfahrung und etwas Übung im Umgang mit Nervosität vor allem, dass der Pitch nur der erste Teil ist. Ein kleiner, aber sehr wichtiger. Er öffnet potenziellen Investoren oder Kunden die Augen, aber die wichtigste Arbeit liegt noch vor einem.
Die vielen Studien, wonach man sich in wenigen Sekunden ein fixes Bild von einer Person macht, stimmen zwar (denke ich). Die eigentliche Arbeit ist aber, diese Sympathie und dieses Interesse zu halten und in etwas gegenseitig Produktives zu verwandeln. Sonst geht man schnell vergessen, oder die Luft ist raus. An der Höhle der Thurgauer Löwen kürzlich haben wir zum Beispiel nicht den ersten Platz bekommen. Pius hat dort aber einen Investor aus dem SICTIC-Netzwerk kennengelernt und daraus wurde ein Abendessen in Weinfelden und da gehen möglicherweise weitere Türen auf. Es ist also nicht nur wichtig mit einem guten Pitch Interesse zu wecken, sondern vor allem dranzubleiben.
Gerade als junges Unternehmen gibt es viele Gründe, warum jemand nicht einsteigen sollte (ob als Investor oder Kunde). Der Track Record sind die Gründer, die Menschen hinter dem Startup und nicht ein langer Kundenstamm oder Referenzen, die es noch gar nicht gibt. Deshalb ist es wichtig, über längere Zeit Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, bis die ersten Anbeissen.
Silicon Valley, der Traum jedes Gründers. Du warst dort, wie war’s?
In 3 Worten: Lehrreich, motivierend, aber manchmal auch überwältigend.
Es war tatsächlich auch mein persönlicher Traum, ins Silicon Valley zu gehen. Und das schon seit langer Zeit. Mich hat schon immer wundergenommen, wie sich der Ort anfühlt, an dem damals Facebook, Google und heute OpenAI und Anthropic ihr Geschäft aufgebaut und von einem kleinen Fleck aus die (ganze) Welt ein Stück weit verändert haben.
Ich hatte das Glück, mit einem straffen Programm organisiert durch den HSG TechClub innerhalb einer Woche sehr viel mit spannenden Persönlichkeiten aus der HSG zu erleben. Von Gelegenheiten zu pitchen über Startup-Besuche in Hochhäuser bis zu Eindrücken, die für mich sehr amerikanisch waren wie dem Besuch der gigantischen Tesla-Fabrik und einem College-Football-Spiel.
Das Spannendste waren aber nicht die Events, sondern die Gespräche mit Leuten aus dem Silicon Valley. Weniger wegen der Notizen, die ich während des Trips gemacht habe, sondern mehr wegen des Gefühls, das dieser Ort in dir auslöst. Ein Gefühl von Optimismus und Möglichkeiten, das alle miteinander teilen.
Das kann sehr schnell ansteckend sein!
Im Silicon Valley wirkt es fast ungewöhnlich, wenn du nicht etwas Bedeutendes aufbauen willst. Unsere Ideen von unserer kleinen Studenten Truppe wurden dort nicht zuerst kritisiert oder hinterfragt, sondern direkt gefeiert. Das verändert etwas in dir, ob du willst oder nicht.
Dieses etwas grössere Denken vermisse ich in der Schweiz manchmal. Wenn es ums Unternehmen geht, bin ich zwar sehr schweizerisch, finde im Silicon Valley aber viel Inspiration und neue Denkweisen, die ich gerne übernehmen und weitergeben möchte.
Das Credo «Move fast and break things» vom Silicon Valley passt allerdings nicht zu mir. Vor allem in unserer Branche geht es beim Zugangsmanagement um Sicherheit und Stabilität. Wenn bei Zugängen etwas bricht, steht jemand vor einer verschlossenen Türe.
Grundsätzlich sehe ich nämlich das Silicon Valley nicht als Destination, sondern als Inspiration und Ressource für unser Unternehmen. Hinziehen würde ich nicht, aber ich nehme die Erkenntnisse gerne mit und versuche, die positiven Seiten hier in der Schweiz zu integrieren. In Zukunft kann ich mir gut vorstellen, das Netzwerk, mögliche Kunden wie auch Investoren im Silicon Valley in Betracht zu ziehen und wieder für ein paar Wochen regelmässig hinzugehen. Jetzt geht es aber darum, diese Inspiration hier in der Schweiz umzusetzen und davon zu profitieren.
Wie sollte sich ein Gründer auf eine solche Reise vorbereiten?
Möglichst wenig. San Francisco ist für mich einer der wenigen Orte, an denen zu viel Vorbereitung eher schadet. Natürlich lohnt es sich, vorher auf z.B. LinkedIn spannende Personen anzuschreiben, die man gerne treffen möchte. So geht man nicht mit leeren Händen hin.
Grösstenteils würde ich aber empfehlen, einfach mal hinzugehen. Ich hatte mir bei meiner Vorbereitung ganz andere Dinge vorgenommen als das, was ich dann tatsächlich unternommen habe. Es gibt Organisationen wie «Swissnex», die einen guten ersten Schub geben können. Für den Rest würde ich einfach hingehen und mich treiben lassen. Am besten mit Gleichgesinnten einen Flug buchen und die App «Luma» herunterladen. Dann passiert es schnell von allein, dass man mehr Events und Möglichkeiten findet, als man überhaupt zeitlich einplanen könnte.
Wo siehst du INOXO in drei Jahren?
Meine Ambition und die meines Teams sind sehr gross. Unsere Vision ist, die Welt der Zugänge einfach und sicher zu machen. Wir wollen konkret die grösste Plattform für Zugangsmanagement bei allen werden, die ohne Schreibtisch arbeiten.
Dafür heisst es heute Gas geben und ein Unternehmen aufbauen, das skalieren kann und in verschiedenen Branchen wie auch Ländern funktioniert.
Unsere Neugier und unser technisches Know-how, verbunden mit Schweizer Qualität, sehen wir als die richtige Kombination, um auch ausserhalb der Schweiz ein grosses und vor allem nachhaltiges Unternehmen aufzubauen.
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