Prozesse hinterfragen, dann digitalisieren

Veröffentlicht von proptechnews am

Prozesse hinterfragen, dann digitalisieren

Prozesse hinterfragen, dann digitalisieren. Internationale Expansion, eine weitgehend selbst finanzierte Entwicklung, Blick auf Prozess: Oliver Grimm erläutert im Gespräch mit proptechnews, wie beyonity wächst, weshalb ERP-Systeme Partnerschaften brauchen und wo er die Rolle der künstlichen Intelligenz sieht. Auslöser für das Interview war die kürzlich angekündigte Zusammenarbeit mit Garaio REM.

Beyonity ist international unterwegs. Was war der Ausgangspunkt dieser Expansion?

Unser beruflicher Hintergrund ist international geprägt. Deshalb haben wir uns von Anfang an nicht ausschliesslich auf einen nationalen Markt konzentriert. Wir starteten in der Schweiz und in Deutschland und entwickelten uns dort weiter, wo sich Möglichkeiten ergaben. Das war ein opportunistischer Ansatz, kein starrer Businessplan nach dem Muster eines Grosskonzerns.

Sind Immobilienmärkte dafür nicht zu unterschiedlich? In der Schweiz betont man bereits die Besonderheiten einzelner Kantone.

Natürlich gibt es lokale Unterschiede. Aber wir sollten sie auch nicht überhöhen. Ob ein Neubau in Burgdorf, Berlin oder Riad entsteht: Die grundlegenden Prinzipien sind sehr ähnlich. Es entstehen Immobilien, die vermarktet und genutzt werden sollen. Entscheidend ist, zu verstehen, welche Teile des Prozesses überall gleich sind und wo tatsächlich Anpassungen nötig werden.

Wie organisiert ihr das Geschäft zwischen zentraler Steuerung und lokaler Präsenz?

Operative Entscheidungen, Projekte und Cashflow steuern wir zentral über die Schweiz. In den einzelnen Märkten haben wir eigene rechtliche Tochtergesellschaften, etwa in Spanien oder in Saudi-Arabien. Dort ist eine lokale Präsenz erforderlich. Man muss die kulturellen Gegebenheiten verstehen und sich entsprechend aufstellen. Internationalisierung bedeutet deshalb nicht, überall exakt dasselbe Modell auszurollen.

Expansion kostet Geld. Wie finanziert ihr euer Wachstum?

Wir arbeiten zu einem grossen Teil selbst finanziert und durften in den vergangenen Jahren auch Investoren an unserem Unternehmen beteiligen. Dabei gefällt mir der Kaizen-Gedanke: Benutze deinen Geist, nicht dein Geld. Es geht darum, Lösungen zu finden, vorhandene Mittel sinnvoll zu nutzen und nicht jedes Problem zunächst mit zusätzlichem Kapital lösen zu wollen. Unsere Holdingstruktur in der Schweiz ist dabei zu 100 Prozent Eigentümerin sämtlicher Tochtergesellschaften.

Was bringt euch diese Gründermehrheit konkret?

Sie gibt uns unternehmerische Flexibilität. Wir können Entscheidungen treffen, Erfahrungen sammeln und auch Fehler machen. Das ermöglicht uns, Dinge auszuprobieren, daraus zu lernen und uns kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Der Schweizer Immobilienmarkt ist fragmentiert. Gleichzeitig gibt es zahlreiche PropTech-Unternehmen für einzelne Aufgaben. Wie positioniert ihr euch in diesem Umfeld?

Mich beschäftigt vor allem, dass wir bestehende Prozesse häufig digitalisieren, ohne zuvor zu fragen, ob sie überhaupt sinnvoll sind. Ein fehlerhafter Prozess wird nicht automatisch besser, nur weil er digital abläuft.

Dazu kommt das Silodenken. Viele Lösungen optimieren einen einzelnen Abschnitt. Für die Konsumenten zählt aber die gesamte Reise. Ich orientiere mich dabei am Beispiel Amazon: Im Zentrum steht, wie reibungslos jemand durch das Kerngeschäft geführt wird. Diesen Blick auf den Gesamtprozess brauchen wir auch in der Immobilienbranche.

Du stellst dabei auch die Trennung zwischen Neubau und Bestand infrage. Warum?

Zugespitzt gesagt besteht der physische Unterschied manchmal darin, dass der Boden einer Bestandswohnung bereits einen Kratzer hat. Die grundlegende Aufgabe bleibt dieselbe: Menschen müssen ein Objekt verstehen, beurteilen und sich dafür entscheiden können. Deshalb sollten wir stärker auf die gemeinsamen Prozessschritte schauen.

Bei Mietobjekten kann ein Mietverhältnis allerdings bis zu 30 Jahre dauern. Damit unterscheiden sich die Abläufe doch von der Vermarktung eines Neubaus.

Ja, diese Unterschiede gibt es. Die Dauer der Nutzung und die damit verbundenen Aufgaben spielen eine Rolle. Mein Punkt ist, dass wir daraus nicht für jeden Bereich einen vollständig getrennten Prozess ableiten sollten. Mieten bleibt für uns ein Kernsegment.

Mit Unternehmen wie Flatfox gibt es bereits spezialisierte Lösungen für die Vermietung. Was ist euer Ansatz?

Unser Navigator schuf zunächst vor allem Transparenz über das Angebot. Die Konsumentenreise endete aber klassischerweise beim Mietvertrag. Wir wollen den Prozess durchgängig abbilden: von den Objektdetails über die Besichtigung bis zur Prüfung des Mietvertrags.

Je nach Kundenwunsch lässt sich diese Prüfung in einem Zeitfenster von zwei Minuten bis 24 Stunden abbilden. Entscheidend ist für uns, dass die einzelnen Schritte digital zusammenhängen.

Du kritisierst auch, dass die Branche stark vom Zufall geprägt sei. Was meinst du damit?

Der Erfolg hängt häufig von externen Faktoren ab. Dann wird ein gutes Ergebnis als eigene Leistung verstanden, obwohl der Zufall einen erheblichen Anteil daran hatte.

Gleichzeitig verfügt die Branche über historische Daten, nutzt diese aber oft nur unzureichend für zukunftsgerichtete Modelle. Wir sollten besser verstehen, welche Faktoren Ergebnisse beeinflussen und was sich daraus für künftige Entscheidungen ableiten lässt.

Für einen durchgängigen Prozess müsst ihr die bestehenden ERP-Systeme einbinden. Welche Rolle spielen Anbieter wie Garaio REM oder W&W?

Eine wichtige. Ich halte allerdings wenig von der Vorstellung, ein ERP müsse als eierlegende Wollmilchsau sämtliche Aufgaben selbst lösen. Sinnvoller sind klare Partnerschaften zwischen Lösungen, die ihre jeweiligen Aufgaben gut beherrschen und miteinander verbunden sind.

Sind diese Partnerschaften auch durch Beteiligungen abgesichert?

Nein. Es bestehen weder Beteiligungen dieser Partner an uns noch gegenseitige Firmenanteile. Die Zusammenarbeit ist vertraglich geregelt.

Wie passt dazu die angekündigte exklusive Integration in Garaio REM?

Für den Bereich Bewirtschaftung integrieren wir den Navigator direkt in das ERP von Garaio REM. Ziel ist dabei nicht einfach die Digitalisierung bestehender Abläufe, sondern eine bessere User Experience und eine visuelle Führung, die den Bewirtschafter im täglichen Prozess unterstützt. Gleichzeitig arbeiten wir im Rahmen der BiG-OS-Initiative exklusiv mit Garaio REM zusammen, um diese Prozesse gemeinsam weiterzuentwickeln.

Das bedeutet aber nicht, dass wir andere ERP-Systeme ausschliessen. Systeme wie W&W können über offene Schnittstellen ebenfalls angebunden werden.

Du kannst dir vorstellen, dass «Bring Your Own Model» oder «Bring Your Own Agent» in den nächsten zwei Jahren zu einem wichtigen Thema wird. Was meinst du damit?

Ich kann mir gut vorstellen, dass Kunden künftig eigene KI-Modelle oder KI-Agenten in bestehende Systeme einbringen wollen. Entscheidend ist für uns deshalb, unsere Architektur so offen zu gestalten, dass solche Entwicklungen möglich sind. Wir wissen heute noch nicht, welche Modelle oder Agenten sich durchsetzen werden. Aber wir wollen technologisch darauf vorbereitet sein und uns diese Möglichkeiten offenhalten.

Das klingt für mich ziemlich rosa. Ist die Branche dafür wirklich schon bereit?

Nicht überall. Aber wir müssen unterscheiden zwischen dem heutigen Stand und den Möglichkeiten, auf die wir uns vorbereiten. Dass die Branche noch nicht durchgehend bereit ist, bedeutet nicht, dass wir diese Entwicklung ausblenden sollten. Meine Einschätzung ist: KI wird langfristig ein alltägliches Werkzeug sein. Als glorifiziertes Alleinstellungsmerkmal wird sie an Bedeutung verlieren. Das sehe ich ebenfalls so. Entscheidend ist, was das Werkzeug im konkreten Prozess verbessert. Die Bezeichnung KI allein schafft noch keinen Mehrwert.

Dann sind wir uns einig:  Zuerst müssen die digitalen Hausaufgaben erledigt werden.

Ja. In der Branche wird teilweise schon über den Einsatz von KI gesprochen, obwohl grundlegende Prozesse noch nicht sauber digital aufgesetzt sind. Wer KI sinnvoll nutzen will, braucht zuerst diese Basis.


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